Japan auf Papier in Dresden, Hokusai, Utamaro und Hiroshige erobern das Residenzschloss

von Anett Lentwojt, 2. Juli 2026

Japanischer Farbholzschnitt in der Ausstellung Japan auf Papier im Dresdner Residenzschloss
Japanische Farbholzschnitte von Hokusai, Utamaro und Hiroshige sind bis zum 20. September 2026 im Dresdner Residenzschloss zu sehen.© SKD
Japanischer Farbholzschnitt in der Ausstellung Japan auf Papier im Dresdner Residenzschloss
Japanische Farbholzschnitte von Hokusai, Utamaro und Hiroshige sind bis zum 20. September 2026 im Dresdner Residenzschloss zu sehen.© SKD
Japanischer Farbholzschnitt in der Ausstellung Japan auf Papier im Dresdner Residenzschloss
Japanischer Farbholzschnitt in der Ausstellung Japan auf Papier im Dresdner Residenzschloss

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Japan auf Papier in Dresden, Hokusai, Utamaro und Hiroshige erobern das Residenzschloss

Eine gewaltige Welle bäumt sich vor der japanischen Küste auf, Schauspieler verwandeln sich in Helden, Dämonen oder tragische Gestalten und elegante Frauen erscheinen in fein gezogenen Linien. Wer japanische Kunst bisher vor allem mit Manga, Anime und zeitgenössischem Grafikdesign verbunden hat, kann im Dresdner Residenzschloss entdecken, wie weit die Wurzeln dieser Bildwelten zurückreichen.

Mit der Sonderausstellung „Japan auf Papier in Dresden. Utamaro, Hokusai, Hiroshige und die Grafik der Moderne“ öffnet das Kupferstich-Kabinett einen bisher weitgehend unbekannten Teil seiner Sammlung. Vom 26. Juni bis zum 20. September 2026 werden im Residenzschloss rund 160 Werke japanischer und europäischer Kunst gezeigt.

Die Ausstellung ist nicht nur für kunsthistorisch Interessierte spannend. Auch Japan-Fans, Manga-Leserinnen, Liebhaber japanischer Ästhetik und Menschen, die sich für Grafik, Mode, Theater oder Design begeistern, finden hier überraschende Verbindungen zwischen historischen Farbholzschnitten und unserer heutigen Bildkultur.

Mehr als 10.000 japanische Kunstwerke befinden sich in Dresden

Dass Dresden eine der ältesten und umfangreichsten Sammlungen japanischer Kunst auf Papier in Europa besitzt, dürfte selbst vielen Menschen aus der Stadt kaum bekannt sein. Mehr als 10.000 Objekte vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart gehören zum Bestand des Kupferstich-Kabinetts.

Seit fast 300 Jahren wird in Dresden japanische Kunst auf Papier gesammelt. Ein großer Teil dieses Schatzes blieb lange im Depot verborgen. In den vergangenen Jahren wurden die Werke gemeinsam mit Fachleuten aus Japan und der Schweiz erforscht, restauriert und digitalisiert.

Für die wissenschaftliche Bearbeitung der Sammlung konnte mit Hans Bjarne Thomsen von der Universität Zürich ein international anerkannter Experte für japanische Kunst gewonnen werden. Gemeinsam mit der Dresdner Kuratorin Petra Kuhlmann-Hodick entwickelte er die Ausstellung.

Unterstützt wurde das Team unter anderem von der Papierrestauratorin Mayumi Nishikawa, die sich mit der Erhaltung der empfindlichen japanischen Blätter beschäftigt. Die Schirmherrschaft über die Sonderausstellung hat die Botschaft von Japan übernommen.

Hokusai, Utamaro und Hiroshige in Dresden erleben

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen Werke von drei Künstlern, die den japanischen Farbholzschnitt weltweit geprägt haben.

Kitagawa Utamaro wurde vor allem durch seine Darstellungen schöner Frauen bekannt. Seine Figuren erscheinen elegant und ruhig, häufig in fein abgestimmten Gewändern und mit sorgfältig beobachteten Gesten. Hinter der scheinbaren Zurückhaltung verbergen sich Charakter, gesellschaftliche Rollen und kleine Erzählungen aus dem Alltag.

Katsushika Hokusai richtete seinen Blick auf nahezu alle Bereiche des Lebens. Er zeichnete Menschen bei der Arbeit, Reisende, Landschaften, Tiere, Pflanzen, Fabelwesen und alltägliche Situationen. Sein berühmtestes Motiv ist die große Welle vor Kanagawa. In Dresden lässt sich jedoch entdecken, dass sein Werk wesentlich vielfältiger war als dieses eine weltbekannte Bild.

Utagawa Hiroshige schuf Landschaften, die von ungewöhnlichen Perspektiven, überraschenden Bildausschnitten und fein abgestimmten Farben leben. Regen, Schnee, Nebel, Flüsse, Brücken und Berge werden bei ihm nicht nur zur Kulisse. Sie bestimmen die Stimmung des gesamten Bildes.

Die Ausstellung zeigt außerdem Werke von Künstlern wie Suzuki Harunobu und Tōshūsai Sharaku. Einige der präsentierten Arbeiten sind erstmals öffentlich zu sehen.

Japanische Holzschnitte waren die Popkultur ihrer Zeit

Japanische Farbholzschnitte wirken heute kostbar und museal. Ursprünglich waren viele dieser Bilder jedoch Teil einer lebendigen städtischen Unterhaltungskultur.

Sie zeigten berühmte Schauspieler, beliebte Schönheiten, Helden aus Erzählungen, Landschaften, Geister und Szenen aus dem Alltag. Damit erfüllten sie teilweise eine ähnliche Funktion wie Fotografien, Filmplakate, Zeitschriften oder Sammelbilder in späteren Jahrhunderten.

Besonders deutlich wird dies bei den Darstellungen aus dem Kabuki-Theater. Schauspielerporträts hielten bekannte Darsteller in ihren berühmtesten Rollen fest. Fans konnten die Blätter erwerben und sammeln. Manche Drucke waren wertvolle Einzelstücke, andere wurden in größeren Auflagen hergestellt und waren für ein breiteres Publikum erschwinglich.

Auch historische Romane, Heldensagen, Heiligenlegenden und Geistergeschichten fanden ihren Weg auf Papier. Wer heute Manga liest oder japanische Anime-Serien verfolgt, wird in diesen Erzählwelten manche vertraute Struktur wiedererkennen. Übernatürliche Wesen, tragische Helden, humorvolle Alltagsszenen und dramatische Kämpfe gehörten schon damals zum beliebten Bildrepertoire.

So entstand ein japanischer Farbholzschnitt

Die Ausstellung beginnt mit einer Einführung in die Herstellung der Holzschnitte. Dabei wird deutlich, dass ein fertiges Blatt nicht das Werk einer einzigen Person war.

Am Anfang stand der Entwurf des Künstlers. Anschließend übertrug ein spezialisierter Schnitzer die Zeichnung auf Holzplatten. Für unterschiedliche Farben wurden mehrere Druckstöcke benötigt. Ein Drucker trug die Farben auf und presste das Papier nacheinander auf die einzelnen Platten. Ein Verleger organisierte Herstellung, Finanzierung und Vertrieb.

Ein Farbholzschnitt entstand deshalb durch die Zusammenarbeit von Künstlern, Schnitzern, Druckern und Verlegern. Bereits kleine Abweichungen beim Farbauftrag oder bei der Positionierung des Papiers konnten das Ergebnis verändern.

Diese handwerkliche Präzision lässt sich in der Ausstellung aus unmittelbarer Nähe betrachten. Linien, Flächen und Farbübergänge wirken oft erstaunlich modern. Gleichzeitig erzählen sie von einem komplizierten Herstellungsprozess, bei dem Erfahrung und Konzentration unverzichtbar waren.

Schönheiten, Schauspieler, Geister und japanische Landschaften

Die weiteren Räume widmen sich den großen Themen des japanischen Holzschnitts. Den Anfang bilden Darstellungen von Frauen, die häufig mit Schönheit, Mode und gesellschaftlicher Eleganz verbunden sind.

Darauf folgen Szenen und Porträts aus dem Kabuki-Theater. Die stark geschminkten Gesichter, überzeichneten Bewegungen und eindrucksvollen Kostüme machen sichtbar, wie eng Theater, Mode und bildende Kunst miteinander verbunden waren.

Ein weiterer Bereich führt in die Welt der historischen Romane, Legenden und Geistergeschichten. Japanische Erzähltraditionen sind reich an übernatürlichen Wesen, ruhelosen Geistern und geheimnisvollen Ereignissen. Die Holzschnitte geben diesen Geschichten eine visuelle Form, die bis heute Künstlerinnen, Illustratoren und Filmemacher beeinflusst.

Besonders ruhig wirken dagegen die Landschaften von Hokusai und Hiroshige. Doch auch hier lohnt sich ein genauer Blick. Wege führen tief in das Bild hinein, Figuren verschwinden beinahe in Schnee oder Regen und Berge erscheinen als mächtige Gegenüber des Menschen.

Wie japanische Kunst die europäische Moderne veränderte

Die Ausstellung endet nicht an den Grenzen Japans. Im zweiten Teil zeigt das Kupferstich-Kabinett, welchen Einfluss japanische Druckgrafik auf die europäische und amerikanische Moderne hatte.

Im 19. Jahrhundert gelangten japanische Holzschnitte verstärkt nach Europa. Künstlerinnen und Künstler entdeckten darin Bildlösungen, die sich deutlich von der akademischen europäischen Tradition unterschieden. Flächige Farben, angeschnittene Motive, ungewöhnliche Perspektiven und große leere Bereiche eröffneten neue Möglichkeiten.

In Dresden werden die japanischen Arbeiten deshalb Werken von James McNeill Whistler, Henri de Toulouse-Lautrec, Edvard Munch, Emil Orlik und Mary Cassatt gegenübergestellt. Sie übernahmen die japanischen Bilder nicht einfach, sondern entwickelten daraus eigene Formen der Druckgrafik und Bildgestaltung.

Der Einfluss zeigt sich in der Reduktion auf wenige Linien, in asymmetrischen Kompositionen und in der Konzentration auf einzelne Bewegungen oder Gesichtsausdrücke. Diese Gestaltungsmittel wirken bis heute in Plakatkunst, Fotografie, Illustration, Comics und Grafikdesign fort.

Auch die Kunst- und Designausbildung in Dresden um 1900 nahm Anregungen aus Japan auf. Die Dresdner Sammlung war damit nicht nur ein Ort des Bewahrens. Sie wurde selbst zu einem Impulsgeber für die Moderne.

Eine Ausstellung zwischen japanischem Theater und offener Terrasse

Die Gestaltung der Räume stammt von der Künstlerin Ines Beyer. Sie greift die Atmosphäre und Herkunft der Werke auf, ohne die Ausstellung in eine künstliche japanische Kulisse zu verwandeln.

Traditionelle Theatervorhänge, in Pfosten eingelassene Bilder und der Eindruck einer offenen Terrasse schaffen Räume, in denen die empfindlichen Papierarbeiten ihre Wirkung entfalten können. Besucherinnen und Besucher sollen nicht nur einzelne Kunstwerke betrachten, sondern in unterschiedliche Bildwelten eintauchen.

Gerade bei einer Ausstellung mit vielen kleinformatigen Blättern ist diese Gestaltung entscheidend. Die Werke verlangen Nähe und Aufmerksamkeit. Details werden nicht aus großer Entfernung sichtbar, sondern beim langsamen Betrachten.

Tanabata und Obon im Dresdner Residenzschloss

Begleitet wird „Japan auf Papier in Dresden“ von einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm. Öffentliche Führungen, Workshops, Vorträge und Kuratorenführungen vertiefen einzelne Themen der Ausstellung.

Zwei besondere Termine richten sich an alle, die japanische Kultur nicht nur betrachten, sondern gemeinsam erleben möchten.

Am 4. Juli 2026 wird im Residenzschloss das japanische Sternenfest Tanabata gefeiert. Das Fest geht auf die Legende zweier Liebender zurück, die durch die Milchstraße getrennt sind und sich nur einmal im Jahr treffen dürfen. Wünsche werden traditionell auf farbige Papierstreifen geschrieben und an Bambuszweige gehängt.

Am 15. August 2026 folgt das Obon-Fest, das dem Gedenken an die Ahnen gewidmet ist. Musik und Tanz begleiten die Feier im Residenzschloss.

Darüber hinaus können Besucherinnen und Besucher im Studiensaal weitere Originale aus der Japan-Sammlung betrachten. Donnerstags am Vormittag und an ausgewählten Samstagen stehen dort japanische Spiele im Mittelpunkt.

Ein Ziel für Manga-, Anime- und Japan-Fans

Die Ausstellung richtet sich ausdrücklich nicht nur an ein klassisches Museumspublikum. Das zugrunde liegende Forschungsprojekt hatte auch das Ziel, eine jüngere und manga-begeisterte Generation anzusprechen.

Wer Manga und Anime liebt, kann in Dresden nachvollziehen, wie lange bestimmte japanische Erzähl- und Bildtraditionen bereits existieren. Dynamische Bewegungen, extreme Gesichtsausdrücke, starke Umrisslinien und ungewöhnliche Perspektiven sind keine Erfindungen der Gegenwart.

Natürlich besteht keine direkte, einfache Entwicklungslinie vom historischen Holzschnitt zum modernen Manga. Die Medien, Produktionsbedingungen und gesellschaftlichen Zusammenhänge unterscheiden sich erheblich. Dennoch macht die Ausstellung sichtbar, wie dauerhaft japanische Bildideen sein können und wie intensiv sie zwischen Tradition und Gegenwart weiterentwickelt wurden.

Ausstellungsbesuch und Stadtführung miteinander verbinden

Die Ausstellung befindet sich im Kupferstich-Kabinett des Dresdner Residenzschlosses. Damit liegt sie mitten in einem der bedeutendsten historischen Gebäudekomplexe der Stadt.

Wer nach dem Museumsbesuch verstehen möchte, welche Rolle das Schloss in der Dresdner Stadtgeschichte spielte, kann die Ausstellung mit einem geführten Rundgang durch die Altstadt verbinden.

Bei unseren Stadtführungen durch Dresden betrachten wir das Residenzschloss nicht als isoliertes Museum, sondern als politischen, kulturellen und architektonischen Mittelpunkt der ehemaligen Residenzstadt. Wir sprechen über die sächsischen Kurfürsten und Könige, die Zerstörung des Schlosses im Zweiten Weltkrieg, den jahrzehntelangen Wiederaufbau und die heutige Nutzung als Museumszentrum.

Der Stadtrundgang „Dresden Barock(t)“ beginnt am Theaterplatz und führt unter anderem zur Semperoper, zur Katholischen Hofkirche und zum Residenzschloss. Anschließend geht es weiter zum Zwinger, zum Fürstenzug, zum Stallhof und zum Neumarkt. Dabei verbinden wir die großen Sehenswürdigkeiten mit Geschichten, Hintergründen und Hinweisen, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen.

Eine solche Führung eignet sich besonders vor dem Ausstellungsbesuch. Wer die Geschichte des Schlosses, seiner Herrscher und seiner Sammlungen kennt, betrachtet auch das Kupferstich-Kabinett mit anderen Augen.

Weitere Informationen und Buchungsmöglichkeiten finden sich unter www.kennst-du-dresden.de.

Japan auf Papier in Dresden, Termine, Öffnungszeiten und Eintritt

Die Ausstellung „Japan auf Papier in Dresden. Utamaro, Hokusai, Hiroshige und die Grafik der Moderne“ ist vom 26. Juni bis zum 20. September 2026 im Kupferstich-Kabinett des Dresdner Residenzschlosses zu sehen.

Geöffnet ist täglich von 10 bis 17 Uhr, dienstags bleibt das Museum geschlossen.

Nach den aktuell veröffentlichten Angaben kostet das Einzelticket für die Sonderausstellung 6 Euro, ermäßigt 4,50 Euro. Schülerinnen und Schüler unter 20 Jahren zahlen 2 Euro, Kinder bis zum Schuleintritt erhalten freien Eintritt. Für Gruppen ab zehn Personen wird ein Preis von 5,50 Euro pro Person genannt. Daneben sind weitere Eintrittsmodelle für das Residenzschloss erhältlich. Vor dem Besuch sollte der aktuelle Ticketpreis noch einmal auf der Internetseite der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden geprüft werden.

Der begleitende Ausstellungskatalog erscheint nach Angaben der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden Ende Juli 2026 im Hirmer Verlag. Das Buch umfasst 320 Seiten und soll im Museum 29,90 Euro, im Buchhandel 40 Euro kosten.

Warum sich die Japan-Ausstellung in Dresden lohnt

„Japan auf Papier in Dresden“ bringt nicht nur berühmte Namen wie Hokusai, Utamaro und Hiroshige ins Residenzschloss. Die Ausstellung öffnet einen Bestand, der über Jahrhunderte gewachsen ist und trotzdem bislang nur wenigen Menschen bekannt war.

Sie verbindet Kunstgeschichte mit Unterhaltungskultur, handwerkliche Präzision mit populären Bildwelten und japanische Traditionen mit europäischer Moderne. Dabei wird sichtbar, dass kultureller Austausch nicht erst mit Internet, Anime-Conventions und internationalen Designtrends begonnen hat.

Wer Japan liebt, kann in Dresden einige der historischen Grundlagen jener Ästhetik entdecken, die bis heute weltweit fasziniert. Wer Dresden besser kennenlernen möchte, kann den Museumsbesuch anschließend mit einer Stadtführung rund um Residenzschloss, Fürstenzug und Stallhof ergänzen.

So entsteht aus einem Ausstellungstag eine Reise durch mehrere Jahrhunderte, von den Straßen und Theatern des alten Japan bis in das Herz der ehemaligen sächsischen Residenz.